Tagblatt Online, 14. August 2007 00:30:59
Kontrapunkt zum Konsumverhalten
Rückblick auf zwei Jahre «Kulthur» in Oberbüren
OBERBÜREN. Mitte November 2005 fand die erste Veranstaltung der Kulturgruppe «Kulthur» statt. Genau zwei Jahre später motiviert der unerwartete Erfolg zum Start in die dritte Saison.
MICHAEL HUG
110 Zuschauer pro Vorstellung – für eine Kleinkultur-Institution eine unglaubliche Zahl. Manch etablierter Veranstalter wird da neidisch. «Sogar bei den Lesungen sind mehr als 60 Personen gekommen», erwähnt das Organisationsquintett stolz. «Offensichtlich sind wir da auf eine Marktlücke gestossen», sagt Edwin Kuhn, Mitglied dieses Teams, «das Angebot scheint gefragt zu sein.» Dabei wollten die Gründer Albert Zwick, Raphael Brühwiler, Hildegard Brühwiler, Othmar Senn und Edwin Kuhn eigentlich «nur» etwas Kleinkultur in die Gemeinde bringen, damit man dazu nicht in die Stadt fahren müsse: «Einen Kontrapunkt zum konsumistischen Verhalten setzen.»
Ein Zieher zum Start
Mit einem «Zieher» hat man im November 2005 die Saison eröffnet: Thomas & Lorenzo gaben «Smoking Chopin» zum Besten, ein komödiantisches Erfolgsprogramm, bei dem volle Säle garantiert sind. Erstaunlicherweise war dann auch die Hesse-Lesung mit Hannes Meier unerwartet gut besucht. Grund genug, optimistisch in die Zukunft zu schauen und der Start-Saison noch mindestens eine zweite anzuhängen. Kurz vor dem Auftakt zur dritten Spielzeit ist man im Team voll Ironie: «Wir werden es wohl noch zehn Jahre lang machen müssen.»
Klares Konzept
Dem Erfolg liegt ein klar formuliertes Konzept zugrunde. Albert Zwick: «Wir lassen nur im Winter spielen und machen nur vier Anlässe, die alle an einem Sonntagnachmittag um fünf Uhr stattfinden.» Damit werden keine einheimischen Vereine und keine anderen Kleinkultur-Veranstalter in der Region konkurrenziert. «Ausserdem soll der Anlass um den Preis eines Kino-Billetts besucht werden können», so Brühwiler, «der Eintritt kostet darum durchs Band immer fünfzehn Franken.» Was allerdings auch schon zu Absagen geführt hätte, fügt Kuhn an: «Simon Enzler, beziehungsweise sein Manager, wollte sich nicht so billig verkaufen, obwohl er seine volle Gage bekommen hätte und ein allfälliges Defizit von uns gedeckt worden wäre.»
In der Fünfergruppe, «die kein Verein ist und auch keiner wird», so Kuhn, macht jeder alles, auch zum Programm trägt jeder und jede bei. «Jeder hat gewisse Interessen und schaut sich privat unverbindlich in der Region, in Winterthur oder in St. Gallen mögliche Kandidaten an. Dann werden die Vorschläge in die Programmsitzung eingebracht, und aus der folgenden Debatte kristallisieren sich die Favoriten heraus», sagt Raphael Brühwiler.
In diesen Tagen wird bereits das Programm für den Winter 2008/09 diskutiert. Edwin Kuhn: «Wir wollen weiterhin mit möglichst wenig Aufwand viel bieten.» Eine bestimmte Idee wollen die Fünf weiterverfolgen: Man möchte gerne einheimisches Schaffen fördern. Mindestens ein Anlass soll mit Oberbürer Künstlern besetzt werden können. Man ist nun dabei, die Fäden zu spinnen: «Wer etwas zu bieten hat, soll sich bei uns melden», sagt Zwick.
Wohlwollende Sponsoren
110 Zuschauer pro Vorstellung haben auch für eine zufriedenstellende Finanzlage gesorgt. Doch mit Eintrittsgeldern allein kann kein Kulturveranstalter seine Ausgaben decken. «Die grossen Ausgaben betreffen die Gagen und die Werbung. Das Forum in der Thurzelg als Veranstaltungsort wird uns glücklicherweise gratis zur Verfügung gestellt», sagt Zwick, der Kassenwart. Kuhn wirft ein, dass man dank eines guten persönlichen Netzwerks Sponsoren aus der Wirtschaft gefunden hat, die sich langfristig engagieren und damit eine solide Basis legen. Auch die Gemeinde hat sich erstmals engagiert, etwas vorsichtig noch, meinen die Initianten. Man hofft, dass der immaterielle Wert ihrer Arbeit auch von offizieller Seite erkannt und geschätzt wird.
Letzte Frage
Es bleibt die Frage, was fünf Personen antreibt, ihre Freizeit unentgeltlich in eine Sache zu investieren, bei der andernorts schon zahlreiche Flinten frustriert ins Korn geworfen wurden? Raphael Brühwiler: «Am Anfang stand der Gedanke, der Bevölkerung eine sinnesmässige Freude zu verschaffen.» Selbstverständlich mag man selbst auch Kleinkultur, aber nur für sich hat man es nicht machen wollen, beteuern die Gründer. Erfreut stellt man fest, dass die Initiative Diskussionen im Dorf angeregt hat. Kuhn: «Es gibt neuen Gesprächsstoff im Alltag, und es kommen Menschen zusammen, die vorher nichts miteinander zu tun gehabt haben.» Edwin Kuhn: «Das Feedback, das wir erhalten, direkt und indirekt, gibt uns das schöne Gefühl, das Richtige getan zu haben.»
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