Auf dem Weg zur Sprache

WIL. Die vorsprachliche Kommunikation bei Kleinkindern kann durch Gesten erfolgen. Wie das geht, zeigt Karin Patton in einem Kurs im Spital in Wil interessierten Eltern. So lernen bereits die Kleinsten, wie sie ihre Wünsche äussern können.

16. Februar 2011, 01:10
Monique Stäger

Mütter kauern im Kreis, auf den Knien halten sie ihre Kleinkinder, die teilweise noch nicht allein sitzen können. Ein Lied wird gesungen, einzelne Worte werden mit Gestik unterstrichen. Die kleinen Augenpaare folgen gebannt den Bewegungen, scheinen sie gar förmlich aufzusaugen. Im Kreis sind auch ein paar Kinder, die den ersten Babyschuhen schon entwachsen sind. Kilian ist einer von ihnen. Er sitzt aber nicht still im Kreis, sondern macht die Bewegungen mit.

Doch plötzlich wird es ihm zu eintönig. Der 16 Monate alte Knirps krabbelt auf einen Stuhl und greift nach einer Packung Kekse, die er auf dem Tisch entdeckt hat. Seine Mutter kommt dazu: «Die gehören nicht uns», erklärt sie. Kilian zeigt mit den Fingern auf seinen Mund, er möchte gern etwas zu essen. Die Szene läuft ruhig ab, ohne quengeln, ohne Tränen, denn Kilian und seine Mutter verstehen sich. Kilian beherrscht die Babyzeichensprache oder Zwergensprache, wie sie auch genannt wird.

Nachahmen erwünscht

«Wir alle kennen die Szene, sie ist vertraut», erklärt Karin Patton. Sie ist Kursleiterin und unterrichtet Babyzeichensprache. «Ein Baby sitzt im Wägelchen und winkt den Passanten zu. Die meisten Menschen winken zurück, das Kleinkind bekommt also eine positive Rückmeldung», weiss Karin Patton, die selber Mutter eines dreijährigen Sohnes ist.

Mit der Babyzeichensprache gehe man noch einen Schritt weiter. Jedes Schlüsselwort eines Satzes werde mit einer bestimmten Geste untermalt. «Ein Kind kann bis zum Alter von etwa einem Jahr höchstens ein Wort pro Satz verstehen», betont Karin Patton. Mit der Geste helfe man dem Kind, das Schlüsselwort zu erkennen. «Die Gesten helfen, dass sich das Kind die Wörter besser merken kann.»

Karin Patton ist durch eine australische Kollegin auf die Babyzeichensprache aufmerksam geworden. «Ich habe einen Workshop besucht, mich dann entschlossen, Kursleiterin zu werden und die Ausbildung in Deutschland gemacht. Danach habe ich selbst angefangen Kurse zu leiten. Diese Kurse umfassen zehn einstündige Lektionen. «Unser Sohn war sehr schnell im Zeichen lernen, so dass meine Motivation hoch blieb. Wenn aber das Baby dem grossen Durchschnitt angehört und so nach zehn Wochen Zeichen macht, ist es schön, diese Zeit mit einem Kurs zu überbrücken, damit die Motivation und das Durchhaltevermögen unterstützt werden.»

Wenn ein Kind etwa sechs Monate alt ist, kann mit der Babyzeichensprache begonnen werden. «Der richtige Zeitpunkt ist dann da, wenn ein Kind merkt, dass Dinge, die weg sind, nicht einfach verschwunden sind, sondern wenn das Baby einem heruntergefallenen Gegenstand nachschaut», erklärt die Kursleiterin.

Wichtig sei es, die Gesten nicht allein stehen zu lassen, sie dienen nur der Unterstreichung des Schlüsselwortes. «Es ist keine stumme Angelegenheit.» Studie würden belegen, dass Kinder, welche in der Zwergensprache kommunizieren können auch früher mit dem Sprechen beginnen. «Aber das ist eigentlich nicht wichtig», betont Karin Patton. «Bei meinem eigenen Sohn war es einfach schön zu sehen, wie wir uns verstanden haben, ohne dass Tränen geflossen sind.» Ein Baby verstehe sehr früh, was die Eltern wollen, doch die Motorik zum Sprechen käme erst später. «So ist diese vorsprachliche Kommunikation ganz einfach eine Stütze auf dem Weg zur Sprache.»

Spielen und singen

Seit Anfang Februar wird der Kurs für Babyzeichensprache im Spital in Wil angeboten. In zehn Lektionen lernen die Mütter – oder auch Väter – mit ihren Kindern die Gesten kennen. Es wird gesungen, Kinderreime werden aufgesagt und auch das Spielen hat in den Kursen Platz. «Der Austausch zwischen den Eltern ist wichtig», weiss Karin Patton aus Erfahrung. Am Ende des Kurses bläst sie für die Kleinen Seifenblasen in die Luft. Kilian quietscht begeistert. Er klopft mit den Fingerspitzen der linken Hand auf die Handfläche der rechten, das Zeichen für «mehr». Karin Patton versteht ihn und lässt es noch einmal Seifenblasen regnen.

Der nächste Kurs im Spital Wil startet am 3. Mai.

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