Tagblatt Online, 18. November 2008 01:00:34
Technologien im Sinne der Menschen
Sebastian Wörwag: «Status-Symbol hin oder her – das Handy auszuschalten, kann auch ein Luxus sein.» (Bild: Bild: zVg.)
Erste Ostschweizer Soziotechnik-Tagung im Wiler Stadtsaal. Die FHS St. Gallen übernimmt die Moderations-Rolle zwischen Entwicklerinnen und Benutzern von Technik im Alltag.
An der ersten Ostschweizer Soziotechnik-Tagung diskutierten Forschende der FHS St. Gallen und andere Gäste mit Interessierten über technische Entwicklungen im Alltag. Diese müssen gesellschaftliche Bedürfnisse decken und dürfen allfällige Risiken nicht ausser Acht lassen – eine Herausforderung, die einen Dialog braucht. «Wenn ich von den Ferien nach Hause komme, würde ich gerne am Vortag per Handy die Heizung zu Hause in Betrieb setzen.» Solche wünsche formulierten die Teilnehmenden der Ostschweizer Soziotechnik-Tagung. Über 150 Interessierte fanden sich dafür im Stadtsaal Wil ein.
Technik für den Menschen
Technik durchdringt alle Lebensbereiche und entwickelt sich ständig weiter. Deshalb werden Konsumenten immer stärker gefordert. Umgekehrt sind bei manchen Produktinnovationen Fragen angebracht: Brauchen wir solche «Spielzeuge»? Könnte man sie benutzerfreundlicher gestalten? Und leider auch: Wird jemand ausgeschlossen? Der sogenannte «digitale Graben» führt quer durch die Geschlechter, Altersgruppen und Bildungsschichten: Ältere, bildungsferne Frauen sind am stärksten von der digitalen Welt ausgeschlossen. Viele können etwa nicht selbständig ein Billigflieger-Ticket nach Mallorca erwerben, weil es dieses nur im Internet gibt. Für die Forschenden der FHS sei deshalb, wie Sebastian Wörwag eingangs erwähnte, ein Einklang von technologischen Entwicklungen mit gesellschaftlichen Bedürfnissen wichtig. Im anschliessenden Podiumsgespräch mit FHS-Institutsleitern kam dieses Verständnis zum Ausdruck. «Die Schnittstelle zwischen Anbietern und Nutzern muss moderiert werden», sagt der Sozialwissenschafter Reto Eugster. Gemäss dem Wirtschaftsinformatiker Ulrich Reimer braucht es aber auch den interdisziplinären Dialog der Entwickler, den er in der FHS im Bereich der Innovationsforschung mit Sozialwissenschaftern und Ingenieuren pflegt. «Hier müssen wir oft erst die Sprachhürden der verschiedenen Wissenschaften überwinden», sagt der Ingenieur Marcel Loher. Die Zeiten des «Happy Engineering», wo ein Wissenschafter im stillen Kämmerlein vor sich hin tüftelt, seien vorbei.
In Mikro-Workshops stellten die FHS-Forschenden und Gäste Aktuelles aus ihrer Arbeit vor. Dabei suchten sie den notwendigen Dialog mit Nutzerinnen und Nutzern alltäglicher Technologien wie beispielsweise das Internet oder das Handy. Sehr erfreulich war die rege Diskussionsbeteiligung der Teilnehmenden der Soziotechnik-Tagung, die damit den Forschenden wertvolle Rückmeldungen auf ihre Arbeit gaben. Urs Guggenbühl, Leiter des FHS-Innovationszentrums IZSG, fasste die formulierten Bedürfnisse zusammen: «Im Vordergrund standen Serviceleistungen, die individuell zusammengestellt werden können und altersgerecht sind.»
Ein Handy mit fünf Sinnen?
In der Plenumsdiskussion standen vor allem Gefahren in Umgang mit neuen Technologien im Vordergrund. Dabei appellierte das Publikum auch auf die Verantwortungen der Forschung, zumal eine politische Diskussion über Risiken fehle. Das Überhandnehmen von virtuellen Kontakten, anstelle von Echtkontakten bis hin zur Internetsucht erschien als Thema, das viele Anwesende beschäftigte. Die Verantwortung läge aber auch bei den Nutzern und könne nicht nur an die Forschung weitergegeben werden, bemerkte Matthias Flückiger. Im Übrigen waren sich die Forschenden einig, dass virtuelle Kontakte die anderen nur ergänzten. Zumindest solange, bis man ein Handy entwickeln könnte, das fünf Sinne hätte – und ein solches sei derzeit nicht in Sicht. (pd.)
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