«Pflücken erlaubt»

In diesem Jahr startete das Projekt «Degersheim zum Anbeissen» des örtlichen Verkehrsvereins. Die Unterstützung der Gemeinde und zu früh geerntete Salate: Präsident Thomas Scherrer zieht Bilanz.
12. Oktober 2017, 06:57
Jonas Manser

Jonas Manser

jonas.manser@wilerzeitung.ch

In fremden Garten- und Hochbeeten kostenlos ernten und sich verköstigen: Das ist die Idee hinter dem Projekt «Degersheim zum Anbeissen». Das vom Verkehrsverein Degersheim lancierte Projekt bekam als Gewinner des Wettbewerbs 150 Jahre St. Galler Kantonalbank vom Finanzinstitut 100000 Franken zugesprochen. Das Vorhaben des Vereins sieht Pflanzungen im öffentlichen Raum vor und ist in diesem Jahr gestartet.

Die Bewohner konnten es anscheinend kaum erwarten, von den Beeten zu naschen. «Es wurde zum Teil viel zu früh geerntet. «Hätten sie nur eine Woche länger gewartet, wäre der Salat doppelt so gross geworden», sagt Thomas Scherrer, Präsident des Verkehrsvereins Degersheim. Ziel des Projektes sei, vor allem öffentliche Flächen der Gemeinde zu «bewirtschaften».

Erster Pflückgarten bereits in Betrieb

Heuer wurde bereits beim Kindergarten an der Bergstrasse ein öffentlich zugänglicher Pflückgarten errichtet. Kinder können das Gedeihen des Beetes durch das Jahr miterleben und am Schluss die Ernte geniessen. «Die Erwartungen sind bei der Bevölkerung gross. Sie wollen wissen, was mit den zugesprochenen Geldern passiert», sagt Scherrer.

Doch statt kleine Projekte sprichwörtlich aus dem Boden zu stampfen, sollte das Projekt ganz im Sinne der Nachhaltigkeit langsam wachsen und gedeihen. «Das Projekt kann nur dann nachhaltig sein, wenn die Politische Gemeinde mitzieht und dahintersteht.» Geplant sind unter anderem ein Kräuterlehrpfad sowie ein Waldlehrpfad. Scherrer spielt auch mit dem Gedanken, zusammen mit der Landwirtschaft Hochstammbäume anzupflanzen. Ein weiterer Aspekt von «Degersheim zum Anbeissen» sei es, das Dorf dadurch farbiger und freundlicher zu gestalten und so das Grünstadt-Label zu erhalten. Die Politische Gemeinde stehe voll hinter dem Projekt des Verkehrsvereins. «Wir können zufrieden sein. Wir sind auf dem richtigen Weg und sind froh, die Unterstützung der Gemeinde zu haben», sagt Scherrer und zieht Bilanz nach dem ersten Jahr. Zurückblickend müsse er jedoch eingestehen, dass er unterschätzt habe, wie viel Klärungsbedarf notwendig ist, um das Projekt umzusetzen. Es mussten unerwartet viele Leute in den Kommunikationsprozess einbezogen werden. «Wir haben erwartet, mehr auf die Beine stellen zu können. Der Prozess ist langwierig», sagt Scherrer.

Der Funke sei glücklicherweise zum Teil schon auf die Bevölkerung übergesprungen. Rund zehn Privatpersonen machten bereits spontan am Projekt mit. Das Konzept sei standhaft, der Aufwand habe sich gelohnt, so Scherrer. «Jede einzelne Person, die mitmacht, ist ein Erfolg für uns. Ob das Projekt nachhaltig bleibt, wird sich noch herausstellen.» Er hofft, dass ein Umdenken bei den Leuten stattfindet: einheimische Pflanzen statt englischer Rasen.

Im kommenden Frühling werde vom Verkehrsverein eine Aktion gestartet, um die Bevölkerung aktiv über «Degersheim zum Anbeissen» zu informieren. Sie soll zur Teilnahme motivieren. Eventuell werde dies durch eine materielle Unterstützung geschehen. Scherrer könnte sich auch vorstellen, Pflanz- und Schneidkurse mit den Gärtnern aus Degersheim zu organisieren. Es sei schwierig, abzuschätzen, wo die Gelder am besten eingesetzt würden. Zum einen sollen die öffentlichen Flächen genutzt werden, zum anderen will der Verein so viele Privatpersonen wie möglich davon überzeugen. Falls nun zum Beispiel eine materielle Unterstützung angeboten würde, leere sich die Kasse des Vereins bei zu vielen Interessenten äusserst schnell: Giesskannenprinzip gegenüber konzentriertem Einsetzen der vorhandenen Mittel. Mit der Frage «Wie mobilisieren wir die Bevölkerung am besten?» im Hintergrund werde bis zum nächsten Frühling ein Konzept erarbeitet, welches Grundstein für das weitere Vorgehen sein soll. Ein weiteres Problem sieht Scherrer in der Abgrenzung: Wo darf ich pflücken, wo nicht? Bis anhin wurden die Beete mit «Pflücken erlaubt» beschildert – was auch gut geklappt habe.


Leserkommentare

Anzeige: