«Nichtwissen fördert Vorurteile»

RELIGION ⋅ Pastoralamtsleiter Franz Kreissl war als Vertreter des Bistums St. Gallen beim Eröffnungsfest der Moschee in Wil dabei. Der Bronschhofer spricht im Interview über flexible Muslime und verschleierte Katholikinnen.
19. Mai 2017, 06:45
Ursula Ammann

Ursula Ammann

ursula.ammann@wilerzeitung.ch

Franz Kreissl, welche Eindrücke haben sie von der Eröffnungsfeier der Wiler Moschee mitgenommen?

Sehr beeindruckt hat mich die Freundlichkeit und die Offenheit der Menschen. Für die Muslime kam dieses Fest einem wichtigen Meilenstein gleich. Sie haben etwas erreicht, wofür sie sich über Jahre hinweg eingesetzt haben. Durch die Präsenz der hiesigen Kirchen wurde aber auch deutlich, dass es in Wil zwischen Christen und Muslimen eine längere Tradition eines konstruktiven Dialogs gibt, der von beiden Seiten ausgeht. Ohne diese Vorgeschichte wäre ein solches Fest und so ein Bau wohl nicht möglich gewesen.

Die Vertreter der Landeskirchen in der Stadt Wil haben sich stets für die Moschee ausgesprochen. Was nützt den Christen ein solcher Bau?

Man hört oft das Argument, dass in Saudi-Arabien keine Kirchen gebaut werden dürfen und man deshalb hier den Bau von Moscheen nicht zulassen solle. Dieser Grundsatz ist einerseits nachvollziehbar, andererseits aber unchristlich. Jesus hat gesagt: «Was du von anderen erwartest, das tu auch für sie.» Im Christentum glauben wir an einen Gott, der Vorleistung bringt. Einer, der den ersten Schritt macht. Wenn wir den Muslimen einen Ort zugestehen, wo sie ihren Glauben ausüben können, ermöglicht uns das darüber hinaus auch einen ganz anderen Auftritt gegenüber muslimischen Ländern, wo Christen diese Religionsfreiheit nicht geniessen.

Kann die Moschee einen Beitrag für ein besseres Zusammenleben leisten?

Dass es bei uns Menschen gibt, die vor den Muslimen Angst haben, hat viel damit zu tun, dass wir sie nicht verstehen, weil wir nicht mit ihrer Religion in Berührung kommen. Je weniger man über jemanden weiss, desto leichter kann man Vorurteile pflegen. In dem Moment, wo Muslime aber an die Öffentlichkeit kommen, eine Moschee bauen und alle willkommen heissen, können wir auch hingehen. Solche Begegnungen bauen Angst ab. Man kann in diesem Zusammenhang durchaus auch fordern, dass die Predigten in der Moschee in Deutsch gehalten werden. Dass man den Koran in Arabisch liest, kann ich aber verstehen.

Haben Sie den Koran gelesen?

In Ausschnitten und auf Deutsch. Für mich war es eine verblüffende und zugleich erfreuliche Entdeckung, dass im Koran so viele Texte vorkommen, die auch Teil des Alten Testaments sind. Die Schöpfungsgeschichte, der Sündenfall von Adam und Eva oder die Geschichte von Noah und der Flut sind nur Beispiele. Diese Deckungsgleichheit hat damit zu tun, dass der Islam ebenfalls auf Abraham zurückgeht.

Und was haben Christentum und Islam in der Praxis miteinander gemein?

Fromme Muslime kennen fünf Pflichten: das Bekenntnis, das Beten fünfmal am Tag, das Almosen geben, die Wallfahrt nach Mekka und das Fasten. All diese Punkte kann man im Christentum auch finden – natürlich in etwas anderer Form.

Welche Unterschiede gibt es aus Ihrer Sicht, die zu Schwierigkeiten im Zusammenleben zwischen den Religionen führen können?

Ein aktuelles Beispiel ist die Missionierung für den sogenannten heiligen Krieg. Diese ist auch innerhalb des Islam höchst umstritten. Streitpunkte und Unterschiede gibt es also nicht nur zwischen den verschiedenen Religionen, sondern auch innerhalb einer Religion selbst. Dazu kommen die kulturellen Prägungen. Sie führen dazu, dass Dinge als Teil der Religion empfunden werden, die gar nicht auf eine heilige Schrift zurückgehen.

Gibt es dafür ein Beispiel?

Ein typisches Beispiel ist die Verschleierung. Die Kultur der jeweiligen Länder hat darauf viel mehr Einfluss als der Koran selbst. Dort gibt es keinen eindeutigen Hinweis auf die Kopftuchpflicht. Die liberalen muslimischen Frauen verzichten darauf, können das aber trotzdem mit dem Islam vereinbaren. Bekleidung hat viel mit der Kultur im Herkunftsland zu tun. Das ist auch im Christentum so. Wenn ich als Kind in Bayern in die katholische Kirche gegangen bin, hatten alle Frauen ein Kopftuch auf. Es gehörte sich einfach so.

Aus Onlinekommentaren kristallisiert sich heraus, dass viele den Muslimen in Wil ihre Moschee «gönnen», aber erleichtert darüber sind, dass diese kein Minarett hat. Wie sehen Sie das?

Bei einer Reise nach Sarajewo im Jahr 1975 habe ich Kirchtürme neben Minaretten gesehen und war beeindruckt, dass dieses Nebeneinander möglich ist. Leider hat der Krieg die Stadt dann völlig zerstört. Ein Minarett oder ein Kirchturm ist eine religiöse Angelegenheit und wird nur dann zum politischen Statement, wenn man es dazu macht. Für mich würde der Bau eines Minaretts zur Religionsfreiheit gehören.

Angenommen, Sie würden im Südquartier wohnen und frühmorgens riefe der Muezzin – hätten Sie dann nicht etwas Mühe damit?

Wenn irgendwo ein Minarett steht, heisst das noch lange nicht, dass auch ein Muezzin zu hören ist. Wir sind ja bei unseren Kirchen auch auf dem Rückzug, was das Glockengeläut anbelangt. Auch der Islam hat sich als sehr anpassungsfähig erwiesen. Das zeigt sich beispielsweise bei der Bestattung. Offene Muslime akzeptieren die Friedhofsvorschriften, wonach Leichen bei uns in einem Sarg bestattet werden müssen. Oftmals sind solche Regeln ohnehin kulturell oder gar umweltbedingt entstanden. Dass Muslime und auch Juden innerhalb von 24 Stunden bestattet werden, hat ursprünglich vor allem mit dem Klima der Wüste zu tun, wo man die Toten nicht lange liegen lassen kann. Was solche Prägungen angeht, ist in allen Religionen viel Flexibilität vorhanden. Schwierig wird es, wenn man etwas zum Kern der Religion erklärt.

Werden Sie einmal eine Predigt besuchen in der neuen Moschee in Wil?

Meine Frau und ich wollten am Sonntag an den Tag der offenen Tür, aber es hatte so viele Leute, dass wir wieder umgekehrt sind. Ich werde der Moschee aber sicher mal einen Besuch abstatten.


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