Mysteriöse Spurensuche

DOPPELBÖDIG ⋅ Der Bieler Künstler Christoph Rihs spielt in der neuen Kunsthalle-Ausstellung «Les jalousies jalouses» mit dem Doppelbödigen. Nichts ist, wie es scheint.
12. Juni 2017, 05:17
Rolf Hürzeler

Rolf Hürzeler

redaktion@wilerzeitung.ch

Ein gigantischer Scherenschnitt oder etwa doch nicht? Diese Holzinstallation hängt in der neuen Ausstellung «Les jalousies jalouses» (Eifersüchtige Eifersucht) des 60-jährigen Bieler Künstlers Christoph Rihs. Er hat das Werk zuerst mit Bleistift auf einer Art Spanplatte filigran vorgezeichnet und von Hand nachgeschnitten. Was aussieht wie eine grossformatige, dekorative Spielerei, ist eine intensive Beschäftigung mit der Natur. Rihs zeichnete die Strukturen von Pflanzenblättern nach, die er als Bausteine der gesamten Wirklichkeit versteht, einen Kosmos der Natur.

Das Ergebnis ist immer leicht verstörend

Der im Libanon geborene Rihs geniesst weite Anerkennung und hat in zahlreichen Kunsthallen ausgestellt. Lange Zeit lebte er in Düsseldorf und Weimar, wo er als Dozent lehrte. Vor ein paar Jahren ist er ins Berner Seeland zurückgekehrt.

Schon der Ausstellungstitel, die Wortspielerei mit der Eifersucht, erscheint dem Kunsthalle-Besucher mysteriös. Man fragt sich, wer denn hier genau auf wen eifersüchtig ist und wie die Eifersucht auf sich selbst eifersüchtig sein kann – ein typisches Rihs-Paradox. Eine eindeutige Antwort will er nicht liefern, die soll man sich bitte selbst suchen. Wer sich weiter mit seinen Wortspielereien befassen will, begibt sich in den ersten Stock der Wiler Kunsthalle. Dort hängen neun Rou­leaux mit einzelnen Wörtern, die sich in der Kombination völlig verschieden lesen lassen. Etwa: «absichtlich, merkwürdig und unendlich». Oder doch eher: «unendlich merkwürdig» beziehungsweise «absichtlich merkwürdig»? Ganz nach Belieben, das Ergebnis ist jedenfalls immer leicht verstörend.

Christoph Rihs versteht diese Arbeiten als «konkrete Poesie» und sieht sich in der Tradition der Schweizer Typographie, die im letzten Jahrhundert mit Gestaltern wie Adrian Frutiger die Druckwelt verändert hat. Rihs erinnert auch an die russische Avantgarde vor 100 Jahren, die Wort und Gestaltung als ein Ganzes verstanden hat. Er verfasst seit Jahren immer wieder lyrische Texte, die er als Ergänzung seiner Kunst sieht.

Eine Reihe von Fotobildern ergänzt die Ausstellung, etwa das Innere einer Moschee in Kairo, das der Künstler weitwinklig fotografiert hatte. Er zerschnitt das Bild in Einzelteile, setzte es zu einer befremdlichen «Photocomposit» zusammen, die den Sakralbau mit den Gläubigen in einem neuen Licht erscheinen lässt. «Mich interessieren Bedeutungsüberlagerungen», sagt Rihs zu seinen Arbeiten, «ich spiele mit der Transparenz.»

Kunsthalle-Leiterin Gabrielle Obrist strich an der Vernissage am Samstagabend die «Ästhetik dieser Arbeiten heraus, die den Besucher herausfordern, sich eigene Geschichten zu den Werken zu denken».


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