Dieser Mann zieht andere Saiten auf

BICHELSEE ⋅ Banjo, Gitarre, Toggenburger Halszither, Harfe: Alles, was Saiten hat, weckt Daniel Zurlindens Leidenschaft. Seit vielen Jahren baut er selbst Saiteninstrumente, heute vor allem Harfen. Kürzlich hat er ein eigenes Musikgeschäft eröffnet.
12. August 2017, 05:17

An der Hauptstrasse 15 im Dörfchen Bichelsee bleibt seit einigen Wochen manch einer staunend stehen. In einem kleinen Schaufenster stehen Musikinstrumente, die im Hinterthurgau höchst selten sind: Harfen. Inhaber des Geschäfts ist Daniel Zurlinden, 1970 in Thundorf geboren, seit Kindesbeinen ist er Musikliebhaber. In seinem kleinen, aber feinen Atelier widmet er sich dem Service und dem Bau von Harfen, jenem «göttlichen» Instrument, bei dem jede Saite – bis zu 47 an der Zahl – für nur einen Ton zuständig ist. «Ich lebe meine Leidenschaft, folge meiner Berufung», sagt er. Man spürt: Hier ist einer angekommen, hat seinen ureigenen Platz in der Welt gefunden – auch wenn der Weg lang, steinig und mit Widrigkeiten gepflastert war.

Ein Unfall wies ihm den Weg

Als Teenager erwachte Daniel Zurlindens Liebe zu einem hierzulande eher ungewöhnlichen Instrument, dem Banjo. Er lernte mit Eifer, es zu spielen, beherrschte es rasch wie kaum ein Zweiter, dachte laut über eine Musikerkarriere nach. Doch der Vater mahnte, er solle einen «anständigen Beruf» erlernen. So trat Zurlinden eine Schreinerlehre an und verlor bei einem Unfall Teile des linken Zeigefingers. «Da war es mit der Musikerkarriere vorbei», sagt er. Doch nur kurz. Denn Zurlinden ist keiner, der aufgibt. Er rappelte sich wieder auf, beendete die Lehre und beschloss, Musikinstrumente zu bauen. «Der Unfall wies mir den Weg zu meiner Bestimmung», sagt er. «Technisches Verständnis ist für meine Arbeit zentral. Wesentlich in meinem Leben aber ist die Hingabe zur Musik, vor allem zu Zupfsaiteninstrumenten», erklärt er. Kein Wunder wurde er, «gesteuert» von Zufällen, zu einem Spezialisten, dem namhafte Solisten, Harfenlehrer, Musikschulen und Orchesterhäuser ihre Instrumente anvertrauen.

Diverse Jobs – jeder brachte ihn voran

«Nach der Lehre arbeitete ich als Holzdécolleteur, produzierte kleine, hochpräzise Drehteile. Dabei lernte ich Exaktheit», erzählt Zurlinden. Dann, Mitte der 1980er-Jahre, eignete er sich als Partner bei «Die Gitarre», dem heute grössten Fachgeschäft für akustische Gitarren, umfassendes Wissen als Gitarrenbauer an. Als selbstständiger Instrumentenbauer vertiefte und erweiterte er dieses kontinuierlich, baute unzählige Instrumente für Blue-Grass-Musik, also amerikanische Volksmusik. Namentlich Banjos, Dobros und Gitarren.

Nach dem Millennium heiratete Zurlinden, übersiedelte ins Toggenburg, arbeitete bei Fraefel in Schweizerbad im Holzmöbelbau. «Seit dieser Zeit kenne ich mich hervorragend mit CNC-Maschinen aus», schmunzelt Zurlinden, der sich schon bald wieder mit einem Gitarrenladen selbstständig machte. Doch der Markt im Toggenburg war zu klein, und so verdingte sich Zurlinden als Servicetechniker und Abteilungsleiter in einem Musikhaus. Dort kam er mit Harfen in Kontakt – und war begeistert.

«2013 entdeckte meine jüngste Tochter in meinem Fundus den Plan für eine keltische Harfe und bat mich, für sie eine zu bauen. Immerhin hatte ich ihrer grösseren Schwester auch eine Gitarre gebaut», erzählt Zurlinden. Auch dieser Aufgabe stellte er sich mit Verve. Er studierte die Geschichte, tauchte ein in die akustischen Geheimnisse der «göttlichen» Instrumente, entwickelte sich innert kürzester Zeit zum in weitem Umkreis bekannten Spezialisten. Hunderte Harfen hielt er seither in Händen, wartete, reparierte, pflegte sie. «In meinem Bereich gibt es keine Lehrmeister mehr», sagt er. «Ich muss selbst rausfinden, wie alles funktioniert und woran es liegt, wenn die Harmonie verloren gegangen ist.» Dazu spannt er mit den Besitzern der Instrumente zusammen, fragt diesen Löcher in den Bauch. In Kombination mit einer Unmenge an gesammelten Daten klärt er die Ursache jedes Problems und löst es.

Die Reinheit der Halbtöne ist essenziell

«Der Schlüssel zur Vollkommenheit ist die Reinheit der Halbtöne», verrät er. Diese werden mittels Klappen (keltische Harfen) oder – bei Konzertharfen – mittels einer über sieben Fusspedale betätigten, extrem komplexen Mechanik erzeugt, welche die Saiten oben verdrehen und spannen. «Ist die Kombination aus Verdrehung und Spannung nicht zu

100 Prozent perfekt, versagen die Gesetze von Schwingung und Resonanz, und das Instrument «harft» nicht, entwickelt nicht jenen vollen, lange nachhallenden Klang, der die Harfe so unverkennbar macht», erklärt Zurlinden. Überdies spielen Spannung, Material und Gewicht der Saiten, die mehrere Tonnen Zug entwickeln, die Geometrie des Halses, die Konstruktion des Resonanzkörpers und das für den Bau gewählte Holz eine wichtige Rolle. «Eine Harfe ist ein mechanisches Wunderwerk, in dem unzählige Einzelteile auf einzigartige Weise miteinander harmonieren», schwärmt Zurlinden.

Der Bichelseer verweist darauf, dass die Doppelpedalharfe bereits 1810 von Sébastien Érard patentiert wurde. «Deren Mechanik konnte bislang niemand toppen. Selbst der komplizierte Knoten zur Befestigung der Saiten ist gleich wie vor rund 300 Jahren», sagt Zurlinden. Trotz CNC-Maschinen und moderner Werkstoffe wie Karbon seien die alten Harfen, mit von Hand geschmiedeten Stellelementen, bis heute unerreicht.

Allerdings hat Zurlinden auch Details aufgedeckt, die Raum für Verbesserungen lassen. «Für ein Problem habe ich bereits eine Lösung erarbeitet, die sich in Tests bewährt hat», enthüllt er. Diese Lösung will er zur Serienreife entwickeln, vermarkten und in seinen eigenen Harfen einsetzen. Sein Erstlingswerk – die Harfe, die er für seine Tochter baute – überzeugte Fachpersonen und Harfenspieler. Sie sind vom exquisiten Klang ebenso begeistert wie vom modernen Design mit stilisiertem Schwanenkopf an der Säule und den lustigen Füssen, die allerdings dem Einzelstück vorbehalten bleiben sollen.

 

Jörg Rothweiler

redaktion@wilerzeitung.ch

Hinweis

Daniel Zurlinden hat noch keine eigene Website. Zu erreichen ist er unter: Harfenservice Daniel Zurlinden, 079 946 55 33,

d.zurlinden@bluewin.ch


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