Mehr Lateinamerika in Wil wagen

WIL ⋅ Claudia Demkura leitet in Wil einen lateinamerikanischen Chor. Victor Beck tritt in der Region mit seiner Gitarre aus den Anden auf. Zusammen wollen sie über einen Förderwettbewerb ein argentinisches Musikfestival in Wil organisieren.
01. Juni 2016, 07:18
CHRIS GILB

WIL. Das Initiantenpaar des Projektes «Integrándonos – Festival de Música Argentina» wirkt auf den ersten Blick ungleich: Claudia Demkura, die argentinische Musik- und Sprachlehrerin, 41 Jahre alt. Und Victor Beck, der 58jährige Schweizer Wirtschaftslehrer an der Kantonsschule am Brühl in St. Gallen. Was sie vereint, ist die Leidenschaft zu Lateinamerika und seiner Musik

Seit seinem 25. Lebensjahr spielt Victor Beck Charango, die Mini-Gitarre aus der indigenen Musikkultur der Anden. Er ist der Vertreter des Schweizer Charango-Vereins in Wil. Der Lehrer wuchs in Mexiko auf, wo seine Eltern berufsbedingt lebten, später zog er zum Studium in die Schweiz zurück und wohnt seitdem in Wil. Schon in Mexiko war er auf die Musik der Anden aufmerksam geworden, auch wenn diese viel südlicher liegen. Bei einem Studienaufenthalt in Lima, Peru, verzauberten ihn dann die Musik und das Instrument, mit dem sie gespielt wird, das Charango, vollends. In der Schweiz tritt Beck seitdem in verschiedenen Formationen mit der kleinen Gitarre auf.

Eine umtriebige Musikerin

Als Claudia Demkura in Berlin, wo sie lange Zeit lebte und Musikpädagogik und Linguistik studiert hatte, über ihre neue Heimat recherchierte, wusste sie noch nicht ganz, was sie von Wil halten sollte. Ihr Mann hatte dort eine Stelle erhalten. Sie suchte nach einem Verknüpfungspunkt zwischen ihrem Lebensinhalt, der lateinamerikanischen Musik, und ihrer neuen Heimat – und stiess auf den Charango-Verein und Victor Beck. «Ich wollte schon immer Charango lernen», sagt die 41-Jährige. Seit vier Jahren lebt sie nun schon in Wil und hat währenddessen zusammen mit Claudia Mauléon, einer weiteren Argentinierin, den Coro Suizo Latinoamericano gegründet. Auch Victor Beck ist eines der 20 Mitglieder aus mehreren Nationen des Chors, der etwa dreimal im Jahr in der Region auftritt. Auch gibt die Argentinierin an der Musikschule Kurse, bei denen Kinder Fremdsprachen über Musik und Tanz lernen sollen. Und sie ist aktiv in der Connexion-Latina, einem lateinamerikanischen Kulturverein in der Region. «Hier leben viele Lateinamerikaner, aber sie sind im Gegensatz zu anderen Kulturen öffentlich zu wenig präsent», sagt Claudia Demkura. Alleine in dem Verein seien 60 Familien organisiert. Auch Victor Beck will seinen Beitrag leisten, die lateinamerikanische Kultur sichtbarer machen. «Deshalb bin ich sofort dem Chor beigetreten. Hätte ich nicht erst mit 25 Charango zu spielen gelernt, wäre ich vielleicht Berufsmusiker geworden», sagt er. Gemeinsam mit dem Chor hat er schon zwei Konzerte im Chällertheater Wil durchgeführt. Sie sollen der Anfang einer neuen Veranstaltungsreihe sein. Zu Gast waren Musiker aus Argentinien und Chile.

Auftritt mit St. Nikolaus-Chor

«Als wir vom Wettbewerb zum 150-Jahre-Jubiläum der St. Galler Kantonalbank (SGKB) hörten, hat es uns sofort gereizt mitzumachen. Um statt nur einzelne Konzerte einmal ein ganzes Festival organisieren zu können», sagt Beck. Stattfinden soll das dreitägige Festival de Música Argentina im Herbst 2017. Es soll aus drei unterschiedlichen Konzerten bestehen. «Das grosse Finale wird die berühmte <Misa Criolla> von Ariel Ramirez mit dem Chor zu St. Nikolaus und Musikern aus Argentinien in der St. Nikolaus-Kirche am Sonntag des Festivals werden», sagt Victor Beck. Der Chor habe schon zugesagt. Auch namhafte argentinische Gruppen, wie beispielsweise Charango en Trio, hätten ihre Zusage gegeben. Doch beim Online-Voting hat das Projekt erst rund 120 Stimmen. «Wenn es mit dem SGKB-Preis nicht klappt, gehen wir eben auf Sponsorensuche», sagt der Musiker. Das Festival müsse unbedingt stattfinden, weil dadurch die hiesigen Lateinamerikaner ihrer zweiten Heimat, der Schweiz, etwas zurückgeben könnten. Was für ihre erfolgreiche Integration sehr wichtig wäre, sagt Claudia Demkura.


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