Als beim Jelmoli die Mädchen waren

ZENTRUM UND ALTSTADT ⋅ Die Wiler Altstadt beherbergte früher drei Bäckereien, eine Kaffeerösterei und eine Brauerei. Das erste Warenhaus auf der Oberen Bahnhofstrasse war das Brockmann. Später kam der Jelmoli.
21. April 2017, 05:20
Natalie Milsom
Ruedi Schär steht auf dem Hofplatz von Wil. Er schaut zum Hof, in dem er die ersten dreissig Jahre seines Lebens verbracht hat. «Mitten in der Altstadt, ganz im Zentrum von Wil.» So hat er das empfunden. Und so war es damals auch: Allein in der Altstadt gab es drei Bäcke­reien, zusammen mit den beiden Vorstädten waren es sogar sechs. Dazu kamen zwei Metzgereien und ein Lebensmittelgeschäft. Auch die Kaffeerösterei Nater befand sich in der Altstadt. Der Duft von frisch geröstetem Kaffee habe sich jeweils in der Altstadt verbreitet. Schär erinnert sich an die berühmte Sorte: «Wiener Kaffee». Natürlich gab es auch viele Restaurants in der Altstadt. Damals sei es üblich gewesen, dass diese im ersten Stock gewesen seien, im Erdgeschoss hätten sich Handwerksbetriebe befunden. «Da waren zum Beispiel der ‹Storchen›, der ‹Anker› gleich neben dem Baronenhaus und der ‹Sternen› in der Nummer 82.»

Es gab auch zwei grosse Geschäfte in der Altstadt, die in der gesamten Ostschweiz bekannt waren. Das eine war Rebsamen und Ammann, ein Geschäft für Haushaltsartikel. Dieses habe in drei Häusern Waren ausgestellt. «Junge Paare kamen von weither, um im Geschäft alles für ihren gemeinsamen Haushalt zu kaufen.» Komfortablerweise sei nebenan Pfister und Amstutz gewesen, bei denen man dann die Bettwaren habe erwerben können.

Braugeruch auf dem Hofplatz

Ein wichtiges Gebäude am Hofplatz war die Brauerei. Schär erinnert sich gerne an den Geruch, der beim Brauen verströmt wurde, und an den Pferdewagen, der den umliegenden Restaurants Bier und Eis lieferte. Heute erinnert die Hofchilbi noch an die Brauerei. «Walter Stiefel, der Bierbrauer, hat die Hofchilbi initiiert.» Die Ersterwähnung Wils im Jahr 754 in einem Eintrag des Klosters St. Gallens behandelt einen zu bezahlenden Zins. Dieser betrug unter anderem 30 Eimer Bier. «Auf die heutige Zeit umgerechnet, wären das 1125 Liter.» Also habe die Brauerei beschlossen, so viel Bier an die Bevölkerung zu verschenken. «Man musste nur ein Depot für den Humpen bezahlen.»

Am besten erinnert sich Schär an den Markttag, der immer am Dienstag stattfand. «Der Markttag in Wil war weitherum bekannt und beliebt.» Auch wenn heute am Dienstag kein Markt mehr stattfindet, so prägt er noch immer den Stadtkalender, da der Jahrmarkt und der Abendverkauf weiterhin am Dienstag stattfinden. Wil sei eine der ersten Städte gewesen, die einen Abendverkauf eingeführt habe, kurz nach Zürich und lange vor St. Gallen, sagt Schär. «Da am Dienstag alle nach Wil kamen, die Bauern, die Käser, die Viehhändler, die Futtermittelverkäufer und viele Kunden, machte es Sinn, dass die Geschäfte am Abend länger offen hatten.» Ein weiterer Anlass, der jeden Dienstag stattfindet, ist die Käserbörse. Früher war es üblich, dass Käsereibetriebe auch Schweine gehalten hätten, da sich diese gut mit den Überresten der Käseproduktion füttern liessen. Am Markttag trafen sich jeweils die Käser, um den aktuellen Preis der Schweine und des Schweinefleisches festzusetzen. Nach wie vor treffen sie sich jeden Dienstag im Hof. «Ich glaube, das wird heute nur noch an drei Orten in der Schweiz so gehandhabt. Und Wil ist einer davon.» Früher, aber auch heute noch sei das auch ein gesellschaftlicher Anlass, an dem man sich austausche, auf dem Laufenden halte und vielleicht noch einen Jass schiebe. Schär erinnert sich aber auch daran, dass in seiner Schulzeit Nägel mit Köpfen gemacht wurden: «Nachdem die Preise festgesetzt waren, wurden Schweine ver- und gekauft. Oft wurde bar bezahlt, manchmal mehrere tausend Franken, und mit Handschlag besiegelt. Es hat mich unglaublich fasziniert, wie der Handschlag zählte. Man wusste, darauf kann man sich verlassen.» Mit all den Aktivitäten verwundert es nicht, dass der Hofplatz auch «der goldene Boden» genannt wurde. Da das Wissen um die Bezeichnung langsam in Vergessenheit gerät, hatte Schär die Idee, einen Stein auf dem Platz zu vergolden: Heute erinnern goldene Mosaiksteine vor dem Baronenhaus an die Bezeichnung und lassen sie gewissermassen wieder etwas aufleben.

Männer an der Stadtmauer, Frauen in der Kirche

Schär läuft zur Stadtkirche St. Nikolaus. Dabei werden Erinnerungen wach an die kirchlichen Prozessionen, die jeweils ein Höhepunkt im Jahr waren. Eine davon ist die Pfingstmontagsprozession. «Im Zürcherkrieg im Jahr 1445 wurde Wil von Zürchern und Bernern belagert.» Die Ausgangslage sei ziemlich aussichtslos gewesen, da die Wiler in der Unterzahl gewesen seien. Mutig machten sich die Wiler Männer bereit, um zu kämpfen, während sich die Frauen in der Kirche versammelten, um zu beten. Am nächsten Morgen, als die Männer zur Stadtmauer schritten, waren die feindlichen Krieger verschwunden. Aus Dankbarkeit versprachen sie, jedes Jahr am Pfingstmontag eine Prozession durchzuführen, im Gedenken daran. «Und das wurde wirklich eingehalten.» Dieses Jahr findet der Anlass zum 572. Mal statt. «Die beiden Pfarrherren haben den Anlass geschickt der heutigen Zeit angepasst mit aktuellen Themen, die einen beschäftigen.» Ein anderer Anlass, der leider nicht mehr gefeiert werde, sei die Fronleichnamsprozession. Schär erinnert sich gerne an die dekorierten Bögen, welche die Altstadt zierten, und die Altäre, welche die Bewohner vor ihren Häusern aufstellten. Am meisten beeindruckte ihn die Zusammenarbeit. «Egal welche Religion, welcher Rang, welches Alter. Alle arbeiteten zusammen.» Da damals noch nicht alle Leute Radioempfang oder ein Telefon hatten, wurde mit Kanonen bekannt gegeben, ob der Anlass stattfindet. Im Museum gab es schon damals zwei kleine Kanonen. Diese wurden jeweils im Vorfeld zum Hofberg gebracht. Der Schuss wurde morgens um 5 Uhr abgegeben, damit man wusste, dass der Anlass durchgeführt wird und man aufstehen sollte, um seinen Altar einzurichten.

Wiler Bräuche, die noch heute existieren

Während Schär die Obere Bahnhofstrasse hinuntergeht, in welcher gegenwärtig die Gartenbauausstellung Artgarden stattfindet, erzählt er von seinem liebsten Brauch, dem Silvesterumzug. Damals verlangte das Gesetz, dass alle Bewohner der Altstadt ein windgeschütztes Licht haben, damit sich die Feuerwehr im Notfall zurechtfinden würde. «Dieses Gesetz wurde erst im Jahr 1952 aus dem städtischen Reglement gestrichen, obwohl die Stadt seit 1900 Strom hatte und die Regelung somit überflüssig war.» Diese Lichter wurden jeweils an Silvesterabend von der Feuerwehr kontrolliert. Wer keines hatte, wurde gebüsst. Da es vor allem für die Kinder spannend gewesen sei, sei dies der Anfang des Silvesterumzuges gewesen. Schär erzählt auch vom Steckliträge, dem ältesten Schützenbrauch der Schweiz, der in Wil von den Stadtschützen organisiert wird. Er erinnert sich daran, wie es in seinen Kinderjahren darum ging, die Naturalpreise für das ­Endschiessen der Bevölkerung zu präsentieren. «Jeder konnte Preise spenden. Da kam alles Mögliche zusammen wie Giesskannen und Besteckservice.» Jedes Kind hätte einen möglichst auffälligen Preis an seinem Stecken durch die Stadt tragen wollen. «Wenn man spät kam, bekam man nur einen kleinen Preis. Oder, noch schlimmer, ein Fähnchen zu tragen.»

Während Schär wieder in die Altstadt hinaufläuft, erzählt er von der Entwicklung der Oberen Bahnhofstrasse. «Brockmann, so hiess das erste Warenhaus hier.» Und danach sei der Jelmoli ansässig geworden, hinter dem man sich in der Oberstufe jeweils getroffen habe. «Die Jelmoliecke war für uns die Chance, Mädchen zu treffen, da sie ja meistens im Kathi waren.» Beim Restaurant Schöntal erinnert er sich an das Hotel, das früher dort gestanden war. Es war ursprünglich in Gähwil gebaut worden. Als die neue Hauptstrasse in die Hulftegg nicht mehr am Hotel vorbei führte, war der Wirt beleidigt und liess das Hotel abbrechen und in Wil wieder aufbauen.

Schär ist wieder beim Brunnen in der Altstadt angekommen, da fällt ihm ein, wie sie Herrn Rütsche vom Gemüseladen geholfen hätten, seine Christbäume zu verschönern. «Da nicht alle Äste gleichmässig verteilt waren, wurden wir angewiesen, einige Äste abzusägen, mit Handbohrern an anderen Stellen Löcher zu machen und die Äste da hineinzustecken.» Lächelnd schaut er zu den Dachstöcken, die früher miteinander verbunden waren, und läuft hinauf zum Hof. «Es war ein toller Ort zum Aufwachsen.»

In loser Folge stellt die Redaktion Orte in Wil vor, die nicht oder nicht mehr allgemein bekannt sind. Mit diesem Beitrag wird die Serie abgeschlossen. Bisher sind erschienen: • «Als der Ölberg noch ein Restaurant hatte» (Ausgabe 10. März) • «Als das Südquartier eine Darmfabrik hatte» (Ausgabe 18. März) • «Als die Reichsten im Westquartier wohnten» (Ausgabe 24. März) • «Als Neulanden noch neu war» (Ausgabe 31. März) • «Als der Lindenhof noch keinen Namen hatte» (Ausgabe 8. April) • «Als das Eggfeld noch Weideland war» (Ausgabe 15. April)


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