Tagblatt Online, 18. Februar 2012 10:52:00
Asylunterkunft bringt auch Vorteile
Fragen und Informationen zur Asylunterkunft: (von links) Pierre Joseph, Präsident der Schulgemeinde, Michael Kauf, Gemeinderat und Mitbesitzer Berghaus Girlen, Gemeindepräsident Christian Spoerlé, Roger Hochreutener, Geschäftsführer KOMI/VSGP, und Beat Tinner, Präsident VSGP. (Bild: Barbara Anderegg)
EBNAT-KAPPEL. Dass die Unterbringung von 50 Asylsuchenden im Berghaus Girlen Fragen aufwirft, zeigte die Informationsveranstaltung vom Donnerstagabend deutlich. Mit Informationen und sachlichen Antworten auf die vielen Fragen gelang es den Behörden, die vorhandene Skepsis zu mildern.
BARBARA ANDEREGG
«Niemand will die Asylsuchenden haben, dennoch müssen sie irgendwohin.» Dass Gemeindepräsident Christian Spoerlé mit dieser Aussage nicht falsch liegt, zeigten die doch zu einem guten Teil skeptischen Gesichter der über 130 Ebnat-Kapplerinnen und Ebnat-Kappler, die sich am Donnerstagabend in der Aula des Schulhauses Wier zur Informationsveranstaltung eingefunden hatten. Der Gemeindepräsident zeigte durchaus Verständnis für Vorbehalte, aber eben: Sie müssen irgendwo untergebracht werden. Dabei gelte es, die Verhältnismässigkeit im Auge zu behalten. Es sei klar, dass in einem Dorf mit 500 Einwohnern nicht 300 Asylsuchende untergebracht werden sollten. «Aber 50 in unserer Gemeinde mit 5000 Einwohnern müssten drinliegen», so der Gemeindepräsident.
Die Anzahl steigt sowieso
Im Kanton St. Gallen werden die Asylsuchenden solidarisch auf die Gemeinden verteilt, erläuterte Roger Hochreutener, der als Geschäftsführer der Koordinationsstelle der St. Galler Gemeinden für das Asyl- und Flüchtlingswesen (KOMI) – einer Abteilung der Vereinigung der St. Galler Gemeindepräsidentinnen und Gemeindepräsidenten (VSGP) – für diese Zuteilung verantwortlich ist. Bereits heute sei die Anzahl Asylsuchender, die im Kanton verteilt werden müssten, hoch und sie steigt weiter an. Denn nicht nur die Zahl der neuen Asylgesuche auch die Dauer der Behandlung der Fälle nehme zu. «Dadurch geraten wir in eine Notsituation», so Beat Tinner, der Präsident der VSGP.
Darum wären auch Ebnat-Kappel bereits Ende Monat weitere Asylsuchende zugeteilt worden. Schon heute beherbergt Ebnat-Kappel 20 Asylsuchende. Diese leben in Wohnungen im Dorf, welche die Gemeinde für sie gemietet hat. Die Suche nach Wohnraum jedoch sei schwierig, weil kaum jemand an Asylsuchende vermieten wolle, so Christian Spoerlé. Zudem müssten die Kinder beschult werden und auch der Verwaltungsaufwand sei gross.
Die Gemeinden würden zwangsläufig an ihre Grenzen stossen. Daher habe man nach Alternativen gesucht. Mit der Gruppenunterkunft im Berghaus Girlen habe man eine unkonventionelle, aber vernünftige Lösung gefunden, sind die Behördenmitglieder überzeugt.
Vernünftige Lösung gesucht
Die Unterbringung in einer Gruppenunterkunft im Berghaus Girlen sei eine ausgezeichnete Möglichkeit, Hand zu bieten bei einem Problem, bei dem alle abwinken, so Christian Spoerlé. Während drei Monaten könne man herausfinden, ob es funktioniert. Wenn ja, so hofft er, dass auch andere Gemeinden dies versuchten, was eine Entlastung für alle wäre.
Ende Februar werden folglich 50 männliche Asylsuchende im Girlen einquartiert. Es handelt sich hauptsächlich um so genannte Dublin-Fälle – also Menschen, die bereits in einem anderen europäischen Land einen negativen Asylbescheid bekommen haben und darum so rasch wie möglich in dieses Erstantragsland zurückgeschickt werden sollen. Für die Gemeinde bringt dies den Vorteil, dass keine Kinder beschult, kein Wohnraum gesucht und keine Verwaltungsaufgaben übernommen werden müssen und: «Als Zückerli für Ebnat-Kappel habe ich im Gegenzug versprochen, dass die Gemeinde in diesem Jahr keine weiteren Asylsuchenden mehr zugeteilt bekommt», sagt Roger Hochreutener. An Kosten kämen aufgrund dieser Einquartierung keine zusätzlichen auf die Gemeinde zu. Diese werden von allen Gemeinden des Kantons solidarisch getragen, so Beat Tinner.
Dennoch wirft die Einquartierung der Asylsuchenden bei der Bevölkerung Fragen auf: Wer sind die Menschen? Was tun sie den ganzen Tag? Wie steht es um unsere Sicherheit? Müssen sie nachts anwesend sein?
Die Asylsuchenden werden sich im Girlen selbst versorgen müssen, sprich kochen, waschen sowie putzen, und es stehen ihnen einige Fitnessgeräte zur Verfügung. Tagsüber werden zwei Betreuungspersonen vor Ort sein, nachts eine. Roger Hochreutener betonte, dass die Asylsuchenden sich frei bewegen dürften: «Man darf diese Menschen nicht einschliessen. Das geht nur, wenn jemand straffällig wird.» Diesbezüglich wurden auch die meisten Ängste geäussert. «Können wir uns noch sicher fühlen?» Beat Tinner betonte, dass bei der Auswahl darauf geachtet wurde, dass es keine Personen sind, die bereits in den Durchgangszentren negativ aufgefallen wären. Laut Roger Hochreutener wird auch eine Notfall-Telefonnummer eingerichtet werden. Christian Spoerlé versicherte, dass er sofort intervenieren werde, falls irgendetwas passieren sollte. Dafür, dass nicht passiert, gebe es keine Garantie, gab Christian Spoerlé unumwunden zu. Aber er gab auch zu bedenken: «Wir wissen nicht im Voraus, ob jemand schlecht ist oder nicht, aber das wissen wir auch nicht, wenn wir ihn im Dorf unterbringen.»
Applaus zum Schluss
Zum Schluss gab es nach den eher kritischen und schlicht praktischen Fragen auch eine klar positive Reaktion. Ein Anwesender äusserte seinen Stolz auf den Gemeinderat, der den Mut habe, diesen Versuch zu wagen, und er schloss: «Danke, dass Sie etwas tun.» Die Tatsache, dass diese Worte als Abschluss der eineinhalbstündigen Veranstaltung doch verbreitet Applaus ernteten, dürfen wohl als Zeichen dafür gewertet werden, dass zwar nicht alle Bedenken gänzlich zerstreut werden konnten, die Ebnat-Kapplerinnen und Ebnat-Kappler dem Probelauf dennoch nicht vollkommen ablehnend gegenüber stehen. ostschweiz 33
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