Nur der Bahnhofplatz ist hindernisfrei

PERRONERHÖHUNG ⋅ In der Stadt St. Gallen verfügen nur die wenigsten Bushaltestellen über ein so hohes Perron, dass ein behindertengerechter Ein- und Ausstieg möglich ist. An der Situation dürfte sich wenig ändern. Procap kündigt nun Widerstand an.
17. Juli 2017, 05:17
David Gadze

David Gadze

david.gadze@tagblatt.ch

Die Haltestellen des öffentlichen Verkehrs in der Schweiz müssen bis 2023 für einen stufenlosen Ein- und Ausstieg parat sein. Das verlangt das Behindertengleichstellungsgesetz. Davon ist nicht nur die Haltestelle Spisertor der Appenzeller Bahnen betroffen, bei der über die Ausgestaltung des Perrons stadtauswärts gestritten wird. Auch alle Bushaltestellen, welche die gesetzlichen Vorgaben bezüglich Behindertengerechtigkeit nicht erfüllen, müssen entsprechend erhöht werden. Und das sind viele.

16 von 316 Perrons sind behindertengerecht

In der Stadt St.Gallen gibt es an den rund 300 Bushaltestellen (in beiden Fahrtrichtungen) insgesamt 316 Perrons. Davon erreichen derzeit gerade einmal 16 die für den behindertengerechten, also autonomen und stufenlosen Zugang notwendige Höhe von 22 Zentimetern. Sie alle befinden sich an den neuen Haltestellen am Bahnhofplatz. Sicher sei, dass auch die Perrons der Haltestellen am Marktplatz und am Bohl im Zuge der Neugestaltung auf 22 Zentimeter erhöht würden, sagt Christian Hasler, Leiter Verkehr beim städtischen Tiefbauamt. Das bedeutet jedoch, dass auch einige Perrons, die in den vergangenen Jahren erhöht wurden, nicht voll behindertengerecht sind. Für Markus Alder, Bauberater von Procap St.Gallen/Appenzell, ist das ein unhaltbarer Zustand. «Ein autonomer Ein- und Ausstieg muss grundsätzlich möglich sein, sofern keine klaren Gründe dagegen sprechen.» Dabei seien die Personenfrequenzen unerheblich. «Das Gesetz nennt diesbezüglich keine Zahlen.» Er habe das Gefühl, die Stadt nehme das Behindertengleichstellungsgesetzt zu wenig ernst.

Christian Hasler weist diese Kritik zurück. «Wenn immer möglich, erstellen wir 22 Zentimeter hohe Perrons.» Wo dies technisch nicht oder nur mit unverhältnismässigen Mitteln möglich sei, sei das Ziel «ein behindertengerechter Zugang mit Rampe». Dazu müssten die Perrons 18 (in einer Geraden) beziehungsweise 15 (in einer Kurve) Zentimeter hoch sein, was in städtischen Verhältnissen jedoch nicht überall möglich sei. Es gebe verschiedene Einschränkungen, aufgrund derer der Bau von 22 Zentimeter hohen Perrons nicht oder zumindest nicht mit verhältnismässigem Aufwand möglich sei, sagt Hasler. So könnten die Busse etwa Haltestellen in Buchten und in Kurven nicht direkt anfahren und müssten die Kanten überstreichen. Auch Einfahrten und Parkplätze vor Liegenschaften seien oft Hindernisse.

«Eingriffe wären unverhältnismässig»

Hasler nennt konkrete Beispiele, bei denen der Bau von 22-Zentimeter-Perrons nicht möglich war: Bei der neuen Haltestelle Bleicheli hätte die Entwässerung neu gestaltet werden müssen, da sonst das Regenwasser in den Neumarkt geflossen wäre. «Andernfalls hätten wir die ganze Strasse absenken müssen, um die erforderliche Perronhöhe zu erreichen.» Das wäre mit unverhältnismässig hohen Kosten verbunden gewesen. Die Haltestellen an der Fürstenlandbrücke, die vor zwei Jahren neu erstellt wurden, seien für Busse nicht in einer geraden Linie anfahrbar und deshalb für 22 Zentimeter hohe Perrons ungeeignet. Beim Kantonsspital wiederum gebe es Unebenheiten von einem bis zwei Zentimetern in den Betonplatten des Haltebereichs der Busse. «Wenn wir die kompletten Betonplatten ersetzen müssten, um statt einer 18er- eine 22er-Kante zu bauen, wäre dies unverhältnismässig.»

Grundsätzlich passe die Stadt immer dann, wenn sie im Bereich einer Haltestelle Strassenbauarbeiten ausführe, auch die Perronhöhe an, sagt Hasler. Bei jenen Haltestellen, bei denen keine Strassenarbeiten geplant sind, nehme sie eine Priorisierung vor: «Bei wichtigen, stark frequentierten Haltestellen haben wir die Perrons bereits angepasst oder werden das in den kommenden Jahren tun.» Frequenzarme Haltestellen kämen erst zu einem späteren Zeitpunkt an die Reihe. Haslers Fazit ist jedoch ernüchternd: «Wir werden vermutlich bei den wenigsten innerstädtischen Haltestellen 22 Zentimeter hohe Perrons realisieren können.» Durch den Bau diverser Kanten mit Höhen von 15 oder 18 Zentimetern würden aber markante Verbesserungen erzielt.

Procap will sich wehren

Die Procap kündigt Widerstand an, sollte die Stadt auch weiterhin bei fast allen Haltestellen Begründungen gegen 22 Zentimeter hohe Perrons finden. «Die Lösung mit ausklappbaren Rampen genügt nicht. Sie erfüllt die Anforderung eines selbstständigen Zugangs klar nicht. Es gibt ein Bundesgesetz und eine UNO-Konvention, die eingehalten werden müssen», sagt Markus Alder. Er habe Verständnis dafür, dass 22er-Perrons nicht überall und sofort möglich seien. «Aber es kann nicht sein, dass die Stadt St.Gallen im stillen Kämmerlein allein entscheidet, was machbar ist und was nicht.» Procap sei gesprächsbereit.


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