Tagblatt Online, 27. Juli 2010 11:10:00
Paul Christens türkischer Säntis
Paul Christen, als Seilbahn-Fachmann auf der ganzen Welt unterwegs. (Bild: Bild: Urs Jaudas)
Paul Christen könnte es heute ruhig haben. Vor einigen Jahren gab er die Verantwortung für den Säntis ab. Doch die Berge und deren Erschliessung liessen ihn nicht los. Und so gibt es heute in der Südtürkei einen zweiten Säntis.
regula weik
Es begann mit einem Telefonanruf. Am Draht war ein Freund, der beim Seilbahnunternehmen Garaventa arbeitet. «Ich brauche einen Supervisor», sagte er – und Paul Christen hörte zu. «Es geht um ein Seilbahn-Projekt in der Südtürkei. Drei Tage pro Monat müsstest du an Ort sein.»
Paul Christen sitzt an diesem Vormittag im «Walhalla» in St. Gallen – und erzählt. «Ich sagte zu. Ich sagte Ja zum Projekt und zu den drei Tagen.» Er lacht. Heute ist er zum Pendler zwischen zwei Welten geworden.
Er hat die Tage in der Türkei nicht gezählt. «In der strubsten Phase waren es gegen 250 im Jahr.»
Ein Start bei null
2004 hatte sich Christen vom Säntis zurückgezogen, die operative Leitung der Schwebebahn seinem Nachfolger übergeben. «Eine wichtige Bauetappe war beendet.» Das Projekt «Säntis 2000» abgeschlossen. 62 ist er damals – und denkt nicht ans Aufhören.
Er eröffnet ein Ingenieurbüro, erstellt Betriebskonzepte und Betriebsanlagen, berät Seilbahnbetreiber, klärt Sicherheitsfragen.
Christen ist keiner, der lange zögert. Er mag klare Entscheide. So ist es auch bei seinem Engagement in der Türkei. «Die Bewilligung für das Bahnprojekt lag vor. Die Investoren standen hinter mir.» Es konnte losgehen. Ein Start bei null – und auf Meereshöhe. «Etwas abenteuerlustig bin ich schon», sagt er.
Die Türkei hatte kaum Know-how im Bau von Seilbahnen; die Olympos Teleferik – so heisst das Unternehmen – war das erste grosse Schwebebahn-Vorhaben. Architekt und Ingenieure waren Schweizer, die Bauarbeiter Türken – «gute Arbeiter, wenn sie gut geführt werden», sagt Christen. Und er fügt an: «Ich hatte nie Mühe, obwohl ich ein fordernder Typ bin.» Von Beginn weg war für ihn klar: «Ich kann die Türken nicht ändern. Ich muss mich ihnen anpassen.» Er lacht. «Ich habe gelernt, Tee zu trinken.
An manchen Tagen besuchte ich sieben Amtsbüros – Tee hier, Tee dort.» Nach einer Pause: «Es ist wichtig, an Ort zu sein. Die Probleme lösen sich nicht über den Computer. Und es ist wichtig, die Menschen zu treffen, sich Zeit zu nehmen für sie. Mit Druck ist nichts zu erreichen.»
Exponierter Gipfel
Der Bau der Bahn war herausfordernd: Sie führt von der Küste bei Antalya direkt hinauf auf dem 2365 Meter hohen Tahtali. «Der Tahtali ist exponiert. Er ist alleinstehend, nicht Teil einer Gebirgskette.
Und er ist wettermässig extrem», erzählt Christen. Er weiss, wovon er spricht. Der Säntis zählt mit der Zugspitze in Deutschland und dem Pico del Teide auf den Kanarischen Inseln zu den wettermässig extremsten Gipfeln.
Doch all die Startschwierigkeiten sind heute Vergangenheit: Die Bahn fährt auf Erfolgskurs. Sie ist bei den Einheimischen – in der Region leben drei Millionen Menschen –, bei Schulen und Touristen gefragt. «Im Sommer kommen die Russen, im Winter die Europäer.
» 70 000 Gäste wurden von Januar bis Mai dieses Jahres gezählt.
Ist das Bahnangebot in der Türkei mit jenem am Säntis vergleichbar? Christen schüttelt den Kopf. «Viele unserer Gäste sind es gewohnt, bedient zu werden. Umgekehrt haben die Türken eine hohe Dienstleistungsbereitschaft gegenüber Gästen.» Ihr Betriebskonzept sei daher ein anderes: «Wir führen die Seilbahn wie ein Flugzeug.
» Die Gäste werden an einer Rezeption empfangen, es gibt einen Sicherheitsdienst mit Schleusen wie auf den Flughäfen, Hostessen machen während der Fahrt Ansagen in fünf Sprachen, auf dem Gipfel gibt es ein VIP-Restaurant – und für die All-inklusive-Gäste gibt es nebenan Snacks.
Coachen von der Schweiz aus
62 Personen arbeiten für die Olympos Teleferik – für Gastronomie, Sicherheit, Marketing, Gesundheit; die Bahn hat einen eigenen Arzt angestellt.
Christen hofft, in vier bis fünf Jahren ein Team beisammen zu haben, welches das Unternehmen eigenständig führen kann. Und Christen? Er werde dann noch als «Coach» von der Schweiz tätig sein.
Hinaus auf die Terrasse
Trotz des Erfolgs in der Türkei: Christen ist dem Säntis treu geblieben – nicht nur als Verwaltungsrat. «Der Säntis ist ein Kraftpunkt», sagt er.
Wann immer er auf den Gipfel fährt, tritt er auf die Terrasse – bei jedem Wetter, bei jedem Anlass. «Ich muss den Berg spüren.»
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